Was ich in einem Jahr öffentlicher Auftritte gelernt habe

Los geht es mit den Worten: „Es folgt eine kurze Präsentation zum Thema ‚Paid Search‘ von Nick Leech.“ Mein Adrenalinpegel schießt nach oben. Ich schaue nach unten und sehe, wie sich mein Hemd im Herzrhythmus mitbewegt. Ich nehme meine Notizen und fange an zu sprechen. Jeder, aber wirklich jeder, sieht, wie meine Hände zittern, oder?

Schnitt: 10 Jahre später. Ich stehe auf der Bühne bei der Microsoft Decoded. Ich bin ganz entspannt. Mein Puls ist unter 80. Und ich genieße den Augenblick.

Was hat sich in der Zwischenzeit geändert? Wie ist das gelaufen von „Muss ich wirklich?“ bis „Los geht’s!“?

Ich habe gerade ein Jahr mit so vielen öffentlichen Auftritten hinter mir wie nie zuvor. Mehr als zwanzig Mal habe ich auf der Bühne gestanden – bei unseren Veranstaltungen mit Enterprise Nation, bei der Business Startup Show, bei der Digital Marketing Show, bei Google und bei noch einigen mehr.

In diesem Beitrag möchte ich allen denen Tipps geben, die im Rahmen ihrer Arbeit öffentlich sprechen und Präsentationen halten müssen. Früher dachte ich, ich wäre dafür überhaupt nicht geeignet. Aber jetzt weiß ich: Mit dem richtigen Konzept und guten Inhalten kann das jeder.

Nick Leech

1. Behalten Sie Ihre Körperreaktionen im Griff

Sobald Sie auf der Bühne stehen, stehen Sie unter Beobachtung. Das Publikum sieht Sie an. Keine besonders angenehme Situation.

Jeder Mensch zeigt eine natürliche Reaktion bei hoher Anspannung: Verhaltenspsychologen sprechen vom Kampf-oder-Flucht-Reflex. Ihr Körper reagiert also auf die Situation mit Urinstinkten. Er stellt sich auf Kampf ein. Oder darauf, möglichst schnell wegzulaufen.

Der hohe Adrenalinspiegel wirkt sich auf Ihre Sinne aus, Ihr Gehör- und Sehsinn werden enorm geschärft. Sie meinen deshalb, dass Sie jeder ansieht, und wenn Sie sprechen, hört sich Ihre Stimme für Sie ungewohnt an.

Ihre Muskeln reagieren auf den kleinsten Reiz und pulsieren synchron mit ihrem Herzschlag. Jeder Versuch, die Hände stillzuhalten, hat die gegenteilige Wirkung und verstärkt das Grundzittern nur noch mehr.

Der erste Schritt, um diese völlig natürlichen Körperreaktionen in den Griff zu bekommen, ist, sie bewusst zur Kenntnis zu nehmen. Der zweite ist, rational damit umzugehen.

Mich hat genervt, dass mein Mund trocken wurde, dass ich zu schwitzen angefangen habe. Dass mein Herz zu rasen begann. Heute ist mir bewusst, was da vor sich geht, und halte mir vor Augen, warum das so ist – mein Körper bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. Ich sage mir, mein Hirn löst einen Adrenalinschub aus, auf den mein Körper entsprechend reagiert.

Dieses Wissen verringert die körperlichen Auswirkungen: So sicher, wie Ihr Puls gestiegen ist, so sicher wird er langsamer. Wichtig ist die Gewissheit, dass dieser Effekt nur vorübergehend ist.

Dann mache ich mir klar, dass das Publikum ja nicht weiß, wie angespannt ich bin.

Sie werden wahrscheinlich glauben, dass Ihre Stimme seltsam und brüchig klingt. Dass Ihre Zitterhände Sie verraten. Dass jeder auf Ihr glänzende Stirn starrt.

In Wirklichkeit bemerkt das kaum jemand. Ihre Zuhörer denken an sich selbst, lesen Facebook-Posts, überlegen, was sie zu Mittag essen könnten.

Ich sage nicht, dass Ihr Publikum am liebsten woanders wäre. Aber solange Sie da oben stehen, können Sie sich entspannen im Wissen, dass die meisten Zuhörer nicht zu 100 % auf Sie konzentriert sind. Die kleinen körperlichen Veränderungen, die Ihrer Meinung nach so offensichtlich sind, nehmen sie gar nicht wahr.

2. Vermitteln Sie ihrem Publikum Dinge, die ihr Leben verändern

Diese Überschrift ist bewusst übertrieben. Natürlich werden Sie mit Ihrer Präsentation die Zuhörer nicht dazu bringen, ihre Leben grundlegend zu überdenken.

Was ich aber meine: Zeigen Sie ihnen Dinge, die ihren Arbeitsalltag erleichtern oder verbessern.

Erstens, erzählen Sie nichts, was Ihr Publikum ohnehin schon weiß. Informieren Sie sich, wer vor Ihnen sitzt und wie viel Erfahrung sie mitbringen. Handelt es sich um Branchenneulinge oder um alte Hasen?

Mehr als 80 % Ihrer Ratschläge und Tipps sollten Ihren Zuhörern völlig neu sein. Wenn es sich um Neulinge handelt, dürfte Ihnen das recht leicht fallen. Wenn das Publikum schon mehr Vorwissen hat, grenzen Sie das Thema ein und gehen Sie ins Detail.

Faszinieren Sie Ihre Zuhörer mit Dingen, die sie noch nie zuvor gehört haben. Schließlich haben sie ihre Zeit geopfert, um etwas Neues zu lernen, und genau das sollten Sie Ihnen bieten.

Zweitens, machen Sie deutlich, dass Ihre Ratschläge aus Ihrer praktischen Erfahrung stammen. Zeigen Sie anhand von Beispielen, wie sie etwas ausgetestet haben und was sich daraus entwickelt hat. Sprechen Sie aus dem Herzen, das besitzt eine Authentizität, die sich nicht vortäuschen lässt.

Drittens, geben Sie Tipps, die praktisch umsetzbar sind. Vermitteln Sie drei Dinge, die Ihre Zuhörer mitnehmen und morgen tatsächlich machen können. Geben Sie Ratschläge, die auf ihre konkrete Situation und ihren Wissenstand zugeschnitten sind.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen am leichtesten lernen, wenn zur Theorie eine praktische Anwendung mitgeliefert wird. Es geht um die Umsetzung des Wissens, das Sie erworben haben. Machen Sie das Ihrem Publikum möglichst leicht, indem Sie ihm praktische Anwendungsbeispiele geben.

Bild von einem gelangweilt wirkenden Mann: Solche Reaktionen gilt es zu vermeiden

Solche Reaktionen gilt es zu vermeiden

3. Gehen Sie mit einem exzellenten Foliensatz an den Start

Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das ist.

Es ist richtig schwer, eine gute Präsentation mit einem schlechten Foliensatz abzuliefern. Aber selbst ein schwacher Redner kann mit tollen Folien punkten.

Ein starker Foliensatz dient verschiedenen Zwecken:

Er zieht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Er ist ein visueller Aufhänger, der es den Zuhörern erleichtert, sich Ihre Aussagen zu merken. Und nebenbei hält er sie davon ab, Sie ständig anzustarren.

Der richtige Foliensatz gibt Ihnen die Gewissheit, dass Sie Ihre bestmögliche Präsentation abliefern.

Was aber zeichnet tolle Folien aus?

Erstens: Keine Bullet-Punkte. Das ist mein völliger Ernst.

Nehmen Sie jeden Bullet-Punkt und machen Sie eine eigene Folie daraus. Wenn Sie viele Bullet-Punkte haben, ist das nicht weiter schlimm. Sie brauchen dann eben eine Menge Folien.

Entgegen der landläufigen Meinung ist ein umfangreicher Foliensatz nicht per se schlecht. Nur wenn die einzelnen Folien überladen sind, wird es problematisch. Falls Sie viele Folien haben, dann zeigen Sie einfach jede nur ganz kurz.

Einer der besten Redner, den ich je erlebt habe, ist Peter Hinssen. Für eine 30-minütige Präsentation benötigt er geschätzte 250 Folien. Aber die Grafiken wechseln so schnell, dass Sie völlig gebannt seinem Vortrag folgen, während die Bilder die Wirkung nur noch verstärken.

Der andere Vorteil von nur einer Botschaft pro Folie: Sie nehmen Ihrem Publikum die Möglichkeit, vorauszulesen. Das Letzte, das Sie wollen, ist nämlich, dass Ihre Zuhörer bereits alle Bullet-Punkte gelesen haben, während Sie immer noch den ersten erklären. Sie werden Ihre Erklärungen dann nicht mehr hören und haben längst abgeschaltet, bis Sie beim unteren Teil der Folie ankommen.

Wenn Sie keine andere Wahl haben und mehrere Punkte auf einer Folie unterbringen müssen, dann arbeiten Sie mit Animationseffekten und zeigen die Informationen weiter unten auf der Folie erst, wenn Sie darüber sprechen. Damit bleibt das Publikum auf die Aussage konzentriert, die Sie gerade besprechen.

Zweitens, arbeiten Sie mit faszinierenden Bildern. Langweilige Standard-Stockfotos bringen gar nichts. Ein tolles Visual zieht das Publikum in seinen Bann und verleiht Ihren Worten zusätzlich Gewicht und Bedeutung.

Fassen Sie Ihre Kernaussage in einem kurzen Satz über dem Bild zusammen. Aber verraten Sie nicht zu viel mit Worten. Dies ist keine Vertriebspräsentation. Ohne Ihre Kommentare darf sie nicht funktionieren. Ansonsten brauchen Sie sich gar nicht erst auf die Bühne stellen.

Drittens, arbeiten Sie nach Möglichkeit mit Videos bzw. Musik. Beide bauen eine emotionale Bindung zum Publikum auf und ändern sein Aufmerksamkeitsverhalten. Es muss ja nicht ein selbstgemachtes Video sein, es gibt genügend Clips auf YouTube zu praktisch jedem Thema.

Und zuletzt: Überspringen Sie nie eine Folie mit einem Kommentar wie „Das passt hier nicht her“ oder „Das ist für Sie uninteressant“. Wie oft habe ich das schon erlebt.

Wenn die Folie wirklich unpassend ist, dann hat sie in der Präsentation nichts zu suchen. Wahrscheinlich hat der Redner nur das Gefühl, dass sich seine Präsentation sich in die Länge zieht, und er möchte zu einem interessanteren Teil springen. Das beweist mangelnde Vorbereitung und lässt das Interesse des Publikums mit einem Schlag erkalten.

4. Erzählen Sie eine Geschichte

Ob Sie nun einen Blogbeitrag schreiben, ein Video drehen oder eine Präsentation erstellen – guter Content braucht immer eine Geschichte.

Damit nehmen Sie Ihr Publikum mit auf eine Reise. Die gemeinsame Erfahrung verbindet alle im Raum und prägt sich ein.

Die Geschichten können ganz unterschiedlich sein, aber die besten sind die, die man selbst erlebt hat. Vielleicht haben Sie auch noch Bilder dazu – Fotos, Screenshots oder Diagramme.

Der Beweis, dass Sie die Erfahrungen selbst gemacht und daraus gelernt haben, wird Ihr Publikum fesseln.

Steigen Sie mit einer Problemstellung ein. Erläutern Sie die verschiedenen Lösungsansätze. Dann wählen Sie einen Ansatz aus und zeigen, was er gebracht hat.

Genau dieses Format nutze ich für eine Präsentation, in der ich zeige, wie man einen Blog aufsetzt, der Tausende von Besuchern anzieht.

Wir hatten einen Blog mit nur ganz geringen Besucherzahlen. Der Grund war, dass wir keine guten Beiträge zu interessanten Themen anboten und somit unsere Arbeit keine Beachtung fand.

Also analysierten wir zunächst, was unsere Zielgruppe interessiert und an welchen Stellen wir relevante Unterstützung bieten können. Das nächste Ziel war, unsere Leser mit überzeugenden Inhalten zu den betreffenden Themen zu fesseln. Der letzte Schritt war, unsere Beiträge den Lesern exakt dort zu präsentieren, wo sie die Informationen benötigen.

Bei meiner Präsentation gebe ich für jeden Schritt ein praktisches Beispiel dafür, wie wir das Problem bei 123-reg angingen und was wir daraus lernten. Die Zuhörer profitieren auch noch von wertvollen Zusatzinformationen durch meine Empfehlungen kostenloser Tools, die wir zur Erledigung unserer aufwendigen Routinearbeiten nutzen.

Mit einer Geschichte bringen Sie Ihre Aussagen auf den Punkt und liefern gleichzeitig auch noch praktische Beispiele mit. Das schafft echte Glaubwürdigkeit.

Überlegen Sie also, wie Sie Ihre Präsentation als Geschichte aufbauen können und erzählen Sie diese mit Überzeugung. Begeistern Sie Ihr Publikum und zeigen Sie, wie sehr Ihnen Ihr Thema am Herz liegt.

Bild von einer Handykamera: Einbindung des Publikums ist wichtig

Einbindung des Publikums ist wichtig

5. Fesseln Sie Ihr Publikum

Letztes Jahr organisierte ich einen Strategie-Tag. Dabei standen zehn Präsentationen von je 45 Minuten Länge auf der Tagesordnung. Ich bin ziemlich sicher, dass ich das Publikum an seine Belastungsgrenze gebracht habe.

Das Problem war das Format. Jeder Sprecher hatte große Informationsmengen zu vermitteln, ohne dass es irgendwelche Möglichkeiten zum Dialog mit den Zuhörern gab.

Das ist ein extremes Beispiel, aber selbst die kürzesten Präsentationen dauern eine halbe Stunde. Die meisten sind länger. Wenn Ihre Präsentation Teil einer ganzen Reihe ist, dann kann es durchaus vorkommen, dass Ihr Publikum bereits seit mehreren Stunden auf den Stühlen sitzt.

Das ist lange, um in einer Position zu verharren und immer nur zuzuhören. Die Aufnahmefähigkeit Ihrer Zuhörer wird mit ziemlicher Sicherheit bereits dem Ende zugehen. Die Begeisterung für Ihr Thema ist unter Umständen auch nicht groß.

Hier gibt es ein einfaches Gegenmittel. Binden Sie Ihr Publikum ein, indem Sie es Fragen beantworten lassen.

Aber Sie können Fragen auf die richtige und die falsche Art stellen.

Erstens, stellen Sie geschlossene Fragen und keine offenen. Das heißt, Fragen, die sich leicht mit ein, zwei Wörtern beantworten lassen und keinen ganzen Satz erfordern.

Fragen Sie also nicht: „Wie steigern Sie das Ranking Ihrer Website auf Google?“ Viel besser ist: „Wer bekommt das höhere Ranking auf Google – Großunternehmen oder kleine Firmen?“

Die Fragen sollten auch nicht allzu schwierig sein. Das Schlimmste ist, wenn sie nur entgeisterte Blicke ernten und die Mehrheit murmelt: „Keine Ahnung“.

Drittens, stellen Sie Ihren Zuhörern eine kleine Aufgabe im Zusammenhang mit Ihrer Frage. Bitten Sie sie beispielsweise, ihr Smartphone herauszuholen, um etwas zu suchen und Ihnen zu sagen, was Sie sehen. Die meisten werden das machen und motiviert sein, Ihnen ihre Antwort zuzurufen.

Und ein letzter Rat: Ermöglichen Sie mehreren Zuhörern, gleichzeitig zu reagieren. „Heben Sie bitte die Hand, wenn Sie eine mobile Webseite haben“, spricht beispielsweise mehr Menschen an, als die Frage: „Was ist das populärste soziale Netzwerk?“

Wenn Sie Ihre Zuhörer auf diese Weise einbeziehen, gewinnen  Sie mit Sicherheit mehr Aufmerksamkeit.

Das war’s auch schon

Durch viel Übung habe ich gelernt, vor Publikum zu sprechen und eine Präsentation zu halten, die ihr Ziel erreicht.

Dazu musste ich zum einen meine physischen und psychischen Reaktionen in den Griff bekommen. Wichtig war aber auch die Auswahl und Erstellung ansprechender Grafiken und Bilder als Begleitung zu den richtigen Inhalten.

Treten Sie auch bei Veranstaltungen auf? Oder müssen Sie demnächst auf die Bühne? Ich würde mich über Kommentare freuen, was bei Ihnen am besten funktioniert.

(Aus dem Englischen übersetzt)

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Nick Leech (Gastautor)

Über den Autor

Nick Leech (Gastautor)

Nick begann seine Berufslaufbahn in der Fachverlagsbranche und arbeitete ab Ende der 1990er Jahre bei verschiedenen Internet-Magazinen. In den 2000ern war er Mitbegründer einer Reihe von Technologieunternehmen, darunter auch der Online-Werbeagentur Euston (heute Barracuda) Digital. Durch seine Tätigkeit in den Anfangszeiten der digitalen Werbung konnte Nick umfassendes Wissen erwerben, das er zur Expansion seiner Unternehmen und für das Wachstum seiner Kunden nutzte. Nick ist heute Digital Marketing Director bei HEG, wo er für SEO, PPC, Programmatic und MVT zuständig ist.

1 Kommentar

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  • Ronny H. Richter
    Ronny H. Richter - 25. August 2016 um 10:22 Uhr

    Toller interessanter Beitrag. Ich habe diese Situationen auch bereits durchlebt und kann bestätigen, dass unter Berücksichtigung der oben genannten Punkte man ruhiger wird und man das Publikum damit gewinnt. Einzig der Fakt Präsentationen nicht in seiner Muttersprache zu halten bringt mich immer wieder ins Schwitzen. Nicht, dass ich die Sprache nicht könnte, sondern vielmehr das ich eine innerliche Blockade aufbaue nicht das richtige Wort zu finden. Ich hoffe, hierfür finde ich auch irgendwann mal noch eine Lösung 🙂

    Danke für die Tipps, Herr Leech.